Säugetiere am Rothaarkamm


Die Wildkatze ( Felis silvestris ) galt im Rothaargebirge lange als ausgestorben. Seit ungefähr 2004 wurden erstmals „wilde“ Katzen beobachtet, die deutliche Merkmale der Wildkatze erkennen ließen (kräftiger als Hauskatze, graubraunes „verwaschenes“ Fell, geringelter Schwanz, dunkler „Aalstrich“ und rosa Nasenspitze). Eine sichere Artbestimmung ist aber nur auf Grund von Beobachtungen oder Fotos nicht möglich. Um 2009/2010 erbrachte eine Untersuchung durch ein tierökologisches Institut im Rahmen der ersten Umweltverträglichkeitsprüfung für die Trassenfindung der B 508/B62 neu im Auftrag von Straßen NRW gesicherte Nachweise. Dieses erfolgte sowohl durch Genanalyse von an Lockstöcken gesammelten Haaren als auch durch Lebendfang mehrerer Wildkatzen im Untersuchungsgebiet. Heute werden Wildkatzen in der Nationalparkkulisse wieder verhältnismäßig oft beobachtet oder auch durch Wildkameras fotografiert. Die Art profitiert offenbar durch die Auflichtung der bisher eher geschlossenen Wälder durch Stürme (Kyrill) und Borkenkäfer. Auf Offenlandflächen findet sie genug Nahrung, vornehmlich Mäuse und in den strukturierten, naturnahen Waldbeständen Deckung. Für den genetischen Austausch sorgen vor allem die Kuder, die weite Streifgebiete von mehreren Kilometern Ausdehnung haben, während die weiblichen Tiere eher Standorttreu sind.


Gefährdet sind vor allem die Jungtiere durch Fressfeinde aber auch durch Holzernte zur Aufzuchtzeit. Obwohl Wildkatzen zu den streng geschützten Arten gehören und sie nicht gejagt werden dürfen, kommt es hin und wieder zu Verwechslungen mit wildernden Hauskatzen. Im Staatswald dürfen daher keine Katzen geschossen werden. Leider gibt es bisweilen auch Straßenverkehrsopfer.

Wolf

Für den Wolf ( Canis lupus lupus ) gibt es noch keinen bestätigten Nachweis (C1-Nachweis) aus der Nationalparkkulisse, jedoch gibt es eindeutige Hinweise, die die sporadische Anwesenheit wahrscheinlich machen. Da Wolfsterritorien deutlich größer sind als die mögliche Ausdehnung eines NP-Rothaarkamm würde ein Wolfrudel mehr Einzugsgebiet benötigen. Genug Schalenwild als Nahrungsgrundlage wäre in den ausgedehnten Wäldern in und um einen NP-Rothaarkamm auf jeden Fall vorhanden. Allerdings zeigen die bisherigen Wanderbewegungen der zugewanderten Wölfe aus Osteuropa, dass Wölfe keineswegs ausgesprochene Waldbewohner sind, sondern sich eher in Offenland- oder Mischstrukturen wohlfühlen und geschlossene Waldgebiete eher weniger frequentieren.

Haselmaus

Eine vielleicht eher unspektakulär erscheinende Tierart ist die kleine Haselmaus ( Muscardinus avellanarius ). Sie ist keine Maus, sondern gehört zur Familie der Bilche und ist auch keineswegs nur an Haselsträucher gebunden. Sie bevorzugt offene, sonnenexponierte Stellen mit mehr oder weniger lückigem Sträuchern und hohen artenreichen Bodenbewuchs. Waldränder on Laub- und Laubmischwäldern, sowohl außen als auch an Wegen, wenn diese tief genug in die Waldbestände hineinreichen werden bevorzugt. Hier baut sie auch ihre faustgroßen, kugelförmigen Nester, geht aber auch gerne in von Spechten angelegte Baumhöhlen, Vogelnistkästen oder wird sogar in Hochsitzen angetroffen. Von Ende Oktober bis Ende April verfällt sie in den Winterschlaf, den sie an frostgeschützten Stellen im Boden unter der Laubschicht oder in Spalten verbringt. Haselmäuse reagieren empfindlich auf Lebensraumveränderungen und sind streng geschützt.

Dachs

Der zu den Mardern gehörende Dachs ( Meles meles ) ist am Rothaarkamm in geringer Dichte anzutreffen. Am ehesten wird man einen Dachs in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden sehen, wenn die Tiere außerhalb ihres Erdbaus auf Jagd gehen. Dachsbaue können, da sie über mehrere Generationen besiedelt und dabei ständig erweitert werden, sehr ausgedehnt sein und eine Vielzahl von Ein- und Ausgängen aufweisen. Dachse tolerieren hin und wieder auch Füchse als Mitbewohner. Das wurde ihnen auch in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Verhängnis, als man versuchte, die damals grassierende, vornehmlich durch Füchse übertragene Wildtollwut durch Vergiftung der Fuchsbaue einzudämmen. Während Füchse häufig bei Annährung der Menschen aus dem Bau flüchteten, verblieben die Dachse meist darin und wurden Opfer des giftigen Gases. Ein schon damals umstrittenes Verfahren und heute wohl undenkbar. Stattdessen wurde die Tollwut durch großangelegte Impfaktionen zum Erlöschen gebracht und die Dachsbestände haben sich wieder erholt. Bisweilen findet man im Gras oder im Laub die Wechsel der Dachse, die wiederholt abgelaufen werden. Ein sicheres Zeichen für ihre Anwesenheit und einen befahrenen Dachsbau. Eine Bejagung findet im Staatswald nicht statt.

Marder

Am Rothaarkamm kommen weitere Marderartige vor. Eine typische an den Wald gebundene Art ist der Baummarder ( Martes martes ). Er lebt überwiegend einzelgängerisch und ernährt sich von kleineren Säugetieren und kleineren Vögeln, die er überwältigen kann, aber er nimmt auch Früchte oder Aas an. Sogar Wespennester gräbt er aus, um an deren Larven und Honig zu gelangen.


Eher an menschlichen Siedlungen oder im Offenland ist der Steinmarder ( Martes foina ) anzutreffen. Während er Baummarder einen gelblichen Kehlfleck hat, ist dieser beim Steinmarder weißlich. Da es aber auch Übergänge gibt, fällt es oft schwer zu bestimmen, welche Art man beobachtet.


Der schlanke Körperbau und die kräftigen Hinterbeine ermöglichen es den Mardern sehr schnell in Bäume zu klettern und dort auf Jagd zu gehen, bzw. bei Gefahr dorthin zu fliehen. Wenn eine Baumhöhle groß genug ist, versucht der Marder sogar die darin enthaltene Vogelbrut zu erbeuten. Selbst vor der Plünderung von Gelegen des großen Schwarzstorchs schrecken Marder nicht zurück.


Neben diesen beiden Mardern kommt noch wesentlich seltener der Iltis ( Mustela putorius ) vor, der eher an Fließgewässern zu Hause ist. Er ist an seiner auffällig weißen Gesichtsmaske zu erkennen und etwas gedrungener als die anderen Marder. Bei Gefahr kann er ein streng riechendes Sekret absondern, was ihm den Namen „Stinkmarder“ eingebracht hat.

Fuchs

Füchse ( Vulpes vulpes ) sind am Rothaarkamm nicht selten, aber es gibt auch keine ungebremste Vermehrung, wie das oft behauptet wird. Ein erheblicher Teil ihrer Nahrung besteht aus Mäusen, deren Bevölkerungsdichte je Witterung und Nahrungsangebot erheblich schwankt. In „guten“ Mäusejahren gibt es auch mehr Nachwuchs als in Jahren mit nur geringer Mäusedichte.


Füchse graben selbst Erdbauten, können aber auch Betonrohre Felsspalten oder Holzpolter als Unterschlupf nutzen. Hier bringt die Fähe auch ihre Jungen zur Welt, die anfangs noch blind sind. Ihr zunächst graubraunes Fell wird erst im ausgewachsenen Alter rötlich. Deshalb wird die bei uns vorkommende Art auch als Rotfuchs bezeichnet. Als Aasfresser sorgen Füchse dafür, dass von verendeten Tieren im Wald keine Infektion ausgeht. Eine Bejagung findet im Staatswald nicht statt.

Hase

Der auch am Rothaarkamm vorkommende Feldhase ( Lepus europaeus ) ist in dem waldreichen Gebiet nicht besonders häufig, aber überall verbreitet. Hasen sind eher Einzelgänger, abgesehen von der Paarungszeit. Dann kann man mehrere Hasen gleichzeitig beobachten. Meist sind es männliche Hasen, die einem weiblichen Hasen imponieren wollen und dabei auch kleine Kämpfe mit den Pfoten austragen. Die Häsin kümmert sich allein um den Nachwuchs, der schon früh selbstständig werden muss. Hasen ernähren sich rein pflanzlich und sind Fluchttiere, die sich bei Gefahr lange am Boden drücken und oft erst unvermittelt aufspringen, um dann sehr schnell zu flüchten. Ihre großen Hinterläufe geben dafür die nötige Muskelkraft. Die großen Augen des Hasen sind seitlich am Kopf angebracht, damit er nahezu eine Rundumsicht hat, um Feinde frühzeitig wahrzunehmen. Die Bestandsdichte der Hasen hängt wenige von Fressfeinden als vielmehr von der Witterung ab. Ein nasskaltes Frühjahr lässt Junghasen schnell an Unterkühlung sterben.

Fledermäuse

Der Name ist irreführend, denn mit den Mäusen sind Fledermäuse nicht verwandt. Sie gehören zu den Fledertieren ( Chiroptera ) und ernähren sich von Insekten. Von den 25 in Deutschland vorkommenden Arten sind einige im weitesten Sinn „Waldfledermäuse“. Es sind Arten, die ganzjährig oder aber einen wesentlichen Teil des Jahres im Wald leben. Hierzu gehören Zwergfledermaus ( Pipistrellus pipistrellus ), Braunes Langohr ( Plecotus auritus ), kleiner Abendsegler ( Nyctalus leisleri ) oder Bartfledermäuse ( Myotis mystacinus und Myotis brandtii ). Für sie sind die Biotopbäume mit unterschiedlichsten Merkmalen lebenswichtig. Besonders wertvoll sind alte Bäume mit Baumhöhlen, Spalten, Rindenabplatzungen oder Kronenbrüchen. Hier finden die kleinen Fledertiere tagsüber Schutz und ziehen hier auch ihre Jungen auf. Je nach Art liegen die bevorzugten Jagdbiotope in oder über den Baumkronen, in Schneisen, über Offenland oder über Bachläufen und Teichen. Nur wenige Arten überwintern auch im Wald. Dafür benötigt es Bäume mit Höhlen, die so dick sind, dass es im Inneren frostfrei bleibt. Die meisten Arten ziehen sich in der kalten Jahreszeit in Felshöhlen, alte Bergwerke oder Häuser zurück. Da die Insekten leider immer weniger werden, finden auch Fledermäuse weniger Nahrung. Vielfältige Waldstrukturen und Offenlandbereiche ohne Biozide oder Düngung tragen auch zu mehr Insektenreichtum bei.

Schalenwild

Unter diesem Sammelbegriff versteht man Paarhufer, die dem jagdbaren Wild zugerechnet werden. Am Rothaarkamm sind dies Rotwild (Rothirsch), Schwarzwild, Rehwild und Muffelwild. Die Jagd auf Schalenwild erfolgt im Staatswald besonders schonend durch abwechselnde Phasen mit und ohne Bejagung. Dadurch sind diese Wildtiere auch bei Tag aktiv und man hat gute Chancen für Beobachtungen.

Rotwild

Rotwild ( Cervus elaphus )kommt nicht nur am Rothaarkamm, sondern auch in der weiteren Region zahlreich vor. Zusammen mit dem Rehwild zählt es zu den Wiederkäuern, die sich ausschließlich von pflanzlicher Nahrung ernähren. Nur die männlichen Tiere tragen einen als Geweih bezeichneten Kopfschmuck, der jedes Jahr vom Frühjahr bis zum Sommer neu gebildet und im Winter wieder abgeworfen wird. Das Geweih nimmt mit zunehmendem Alter an Gewicht und Größe zu, ehe es ab dem etwa 13. Lebensjahr immer mehr zurückgebildet wird. Im Herbst von etwa Mitte September bis Anfang Oktober ist die Zeit der Hirschbrunft und man kann die Brunftaktivitäten auch hören, da die Hirsche mit verschiedenen Rufen versuchen, weibliche Tiere zu binden und Nebenbuhler abzuwehren.


Im Mai bringen die geschlechtsreifen weiblichen Tiere (Alttiere) ein- seltener zwei Jungtiere zur Welt, die als Kälber bezeichnet werden. Diese haben weiße Flecken an Flanken und auf dem Rücken, die im zeiten Lebensjahr verschwinden. Da Rotwild auch junge Waldbäume intensiv verbeißt und auch deren Rinde schält, wird versucht, den Rotwildbestand durch Bejagung so zu steuern, dass die Hauptbaumarten ohne Schutzmaßnahmen aufwachen können. Rotwild lebt überwiegend sozial in mehr oder weniger großen Rudeln und ist ursprünglich eine Tierart der Steppe, also eher des Offenlandes.

Rehwild

Rehwild ( Capreolus capreolus )ist eine eigene Art und nicht mit dem Rotwild verwandt. Rehe sind wesentlich kleiner als Rotwild. Ihre Brunft fällt in den Hochsommer und ist weniger spektakulär. Obwohl die Befruchtung früher als beim Rotwild erfolgt bringen auch Rehe erst im Mai ein bis drei Kitze zur Welt. Diese werden nur von der Ricke (Muttertier) bis ins neue Jahr geführt, wobei die Bindung allmählich nachlässt. Auch bei den Rehen trägt nur das männliche Tier ein Geweih, beim Rehwild auch irreführend als „Gehörn“ bezeichnet, welches ebenfalls jedes Jahr abgeworfen wird und nachwächst.


Rehe leben sehr standorttreu und haben von den Auflichtungen der Wälder durch Stürme und Käfer profitiert. Da der Boden viel mehr Licht erhält, wachsen mehr Gräser, Kräuter sowie Knospen und Blätter junger Gehölze. Da Rehe wählerisch sind, tragen auch sie mit ihrem Verbiss zur Entmischung des Waldaufbaus bei. Auch hier wird versucht durch schonende Bejagung den Rehwildbestand zu regulieren.

Schwarzwild

Umgangssprachlich auch als Wildschwein ( Sus scrofa )bezeichnet, kommt auch diese Wildart flächendeckend am Rothaarkamm vor. Anders als in Feldrevieren verursacht das Schwarzwild im Wald keine Schäden. Im Gegenteil, bei der Nahrungssuche durchwühlen Wildschweine den Waldboden um darin Larven von Insekten, Kleintiere oder Würmer zu finden. Dabei wird der Mineralboden freigelegt, wodurch herabfallende Samen der Gehölze und Bäume bessere Keimbedingungen erhalten.


Als Allesfresser werden auch Rehkitze, Kleinsäuger und auch Aas verendeter Waldbewohner nicht verschmäht, selbst wenn es sich um Angehörige der eigenen Art handelt. Schwarzwild lebt sozial in Familienverbänden, zu denen eine oder mehrere Muttertiere (Bachen) mit ihrem Nachwuchs (Frischlinge) und heranwachsende Tiere gehören. Junge männliche Tiere (Keiler) bilden eigene Rotten und alte Keiler sind bis auf die Fortpflanzungszeit Einzelgänger.

Muffelwild

Muffelwild ( Ovis gmelini musimon )ist ursprünglich keine heimische Wildart. Die Herkunft der Wildschafe liegt vermutlich auf den Mittelmeerinseln Sardinien und Korsika. Ihre Verbreitung nach dem übrigen Europa erfolgte aber schon vor mehreren Tausend Jahren. Muffel zählen zu den Hornträgern, das bedeutet, dass ihre gebogenen, schneckenförmigen Hörner bei den männlichen Muffel das ganze Leben lang wachsen und nicht abgeworfen werden.


Auch Muffel leben in Familienverbänden von Schafen, jungen Widdern und Lämmern und es gibt auch Gruppen von männlichen Tieren (Widder). Muffel sichern bei einer wahrgenommenen möglichen Gefahr häufig erst und verharren, bevor sie sich zur Flucht entschließen. Dieses Verhalten macht sie zu einer leichten Beute für Wölfe. Muffel erkranken auch an einer Infektionskrankheit, die ihre Hufe (Schalen) befällt und später auch die Beine. Vermutlich sind Verletzungen der Schalen Eingangspforten für den Erreger. Leider gibt es zu wenig felsige Bereiche, so dass sich die Schalen nicht genügend abnutzen und unkontrolliert wachsen, was zu Brüchen führen kann.